Feminizide, die Pandemie neben dem Coronavirus

Die Corona-Quarantäne schützt die Menschen in Kolumbien vor einer Infektion, viele setzt sie jedoch einer anderen Gefahr aus: der Gewalt durch (Ex-)Partner*innen. Mindestens 49 Frauen sind seit Beginn der Quarantäne getötet worden.

Fast wäre Carolina Girón gestorben. Die Unternehmerin und Mutter eines zehnjährigen Sohnes wurde Ende April von ihrem Lebensgefährten Diego Leonardo García so schwer verprügelt, dass sie das Bewusstsein verlor. Ein Nachbar, der ihre Schreie hörte, alarmierte die Polizei. Carolina Girón wurde schwerverletzt, mit mehreren Knochenbrüchen, in ein Krankenhaus in Bogotá eingeliefert. Diego Leonardo García befindet sich in Untersuchungshaft und soll wegen „versuchtem Feminizid in einem besonders schweren Fall“ angeklagt werden.

Anders als für Carolina Girón endete die Gewalt durch (Ex-)Partner*innen für mindestens 49 Frauen während der Quarantäne in Kolumbien tödlich: So viele Frauenmorde hat die Fundación de Feminicidios Colombia seit Beginn der landesweiten Schutzmaßnahme am 25. März 2020 gezählt. Die Stiftung dokumentiert Fälle anhand von Medienberichten. Auf ihrer Liste stehen 83 weitere Tötungen von Frauen und Mädchen, bei denen noch nicht feststehe, ob es sich um Feminizide handelt.

© Franziska Pröll

Für die Feminizid-Stiftung ist das ein Anlass zur Sorge. Deshalb hat sie gemeinsam mit anderen feministischen Organisationen die „Emergencia Nacional de Feminicidios“, den nationalen Feminizid-Notstand, ausgerufen. In einer Petition fordern Mitglieder der Gruppen den Staat auf, „endlich einzugreifen, ohne weitere Entschuldigungen“.

Damit meinen sie vor allem: den Frauen, die Gewalttaten der Polizei melden, frühzeitig Hilfen anzubieten. Yamile Roncancio Alfonso, Direktorin der Fundación Feminicidios Colombia, kritisiert im Interview mit der Zeitung El Tiempo das Zögern der Behörden: „[Sie] haben nicht verstanden, dass sie bei einer Anzeige wegen Gewalt schnell handeln und die Frau sowie ihre Kinder schützen müssen.“

Für problematisch hält Roncancio Alfonso auch den Ablauf gerichtlicher Verfahren: „Verzögerungen und Engpässe sind vor Gericht nur allzu häufig.“ Die Juristin unterstützt Angehörige getöteter Frauen und Mädchen in Strafverfahren.

Die Anzahl der Feminizide hat – im Vergleich zu allen anderen Straftaten in Bogotá – während der Quarantäne zugenommen. 8,6 Prozent mehr Frauenmorde hat die Polizei im Vergleich zur Vor-Quarantäne-Zeit erfasst.

Bevor sie Behörden kontaktieren, wenden sich Gewaltbetroffene häufig an die Línea Purpura Distrital, das städtische Notruf-Telefon in Bogotá. Im Vergleich zum Monat vor der Ausgangssperre haben die Psycholog*innen und Sozialarbeiter*innen seither fast vier Mal so viele Anrufe entgegengenommen. Während im gesamten Jahr 2019 14.688 Personen die 155 wählten, lag ihre Zahl in vier Quarantäne-Wochen ein Drittel so hoch. Es gingen 5.747 Anrufe ein.

Und das obwohl ein Anruf bei der Notruf-Hotline für die Opfer von Gewalt nicht ungefährlich ist: In Quarantäne sind viele von ihnen rund um die Uhr vom Gewalttäter umgeben – weil sie sich die Wohnung oder sogar ein Zimmer mit ihm teilen. Manche Menschen, die angeschrien, bedroht oder geschlagen werden, verzichten deshalb lieber auf Hilfe. Zu groß ist ihre Angst, Gewalthandlungen durch einen Anruf zu beschleunigen oder erst zu provozieren. Ein Teil der Gewalttaten ist somit nirgends registriert.

Erschwerend kommt hinzu, dass gewaltbetroffene Frauen und Mädchen während der Quarantäne in vielen Fällen keine psychologische Hilfe erhalten, weil entsprechende Einrichtungen geschlossen sind. Noch bis mindestens 15. Juli 2020 werden Frauen in Kolumbien unter diesen Bedingungen leben müssen – bis dahin gilt die Ausgangssperre nach derzeitigem Stand.