„Femizid“ oder „Feminizid“ – was ist der Unterschied?

Für die geschlechtsspezifische Tötung einer Frau gibt es zwei verschiedene Begriffe: „Femizid“ und „Feminizid“. Warum?

Auch in Deutschland sterben Frauen, weil sie Frauen sind. 2018 sind laut Bundeskriminalamt 122 Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partnern getötet worden. Wenn die Medien darüber berichten, schreiben oder sprechen sie von „Femizid“. Zum Beispiel Die Zeit, die in einem aufwändig recherchierten Artikel alle Fälle aus 2018 dokumentiert.

In Lateinamerika schreiben (nicht nur) Journalist*innen dagegen meist von „feminicidio“ – also „Feminizid“. Wieso?

© Agnes Wagnis

Den Begriff „Femizid“ hat die US-amerikanische Soziologin Diana Russell im Jahr 1976 geprägt. Sie wollte damit einen Teil der gesellschaftlichen Realität sichtbar machen, der vielen Menschen zuvor verborgen geblieben war: dass Frauen an vielen Orten, in verschiedenen Situationen und Kontexten Gewalt zugefügt wird – aufgrund der Tatsache, dass sie sich dem weiblichen Geschlecht zugehörig betrachten und/oder als Frau gelesen werden. Mit dem englischen Wort „femicide“ transportiert Russell also eine politische Botschaft, die zu dieser Zeit viele Feministinnen aussendeten.

Im „femicide“ drückt sich nach Russell die „extremste Form sexistischen Terrors“ (Caputi & Russell, 1992) aus: Männer töten ihre Frauen aus Hass, Verachtung, Freude oder dem Anspruch, sie zu besitzen. Diese auf Sexismus und Misogynie gerichtete Definition war unter Feministinnen nicht unumstritten. Russell selbst hat sie Jahre später erweitert und zieht seitdem weitere, mögliche Motive in Betracht. So schreibt sie 2009 in einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation von Femiziden als „Tötungen von Frauen durch Männer, weil sie Frauen sind“.

Als die mexikanische Anthropologin Marcela Lagarde das Buch von Diana Russell ins Spanische übersetzt, bittet sie darum, „feminicidio“ schreiben zu dürfen (also von „Feminizid“ statt „Femizid“). Mit der Erweiterung fordert Lagarde, die große Zahl der getöteten Mädchen und Frauen in Mexiko aus einer „perspectiva de género“ zu betrachten, sie also gendersensibel zu behandeln. Die Wissenschaftlerin argumentiert: Mexiko befinde sich weder im Krieg, noch in einem bewaffneten Konflikt, noch in der Phase kurz nach einer landesweiten, kriegerischen Auseinandersetzung. Trotzdem sind 2004 (auf dieses Jahr bezieht sich Lagarde) nach Angaben des Nationalen Instituts für Statistik und Geographie 1.205 Mädchen und Frauen getötet worden.

Für Lagarde steht fest: Ohne den Blick auf die gesellschaftliche Rolle von Mädchen und Frauen lässt sich nicht erklären, dass im Jahr 2004 täglich im Durchschnitt mehr als drei Frauen sterben. Dank der Anthropologin beginnen Wissenschaftlerinnen und Aktivistinnen darüber zu debattieren, welche Kriterien ein Feminizid beinhaltet – und warum er mehr ist als der Mord an einer Frau. Lateinamerikanische Feministinnen fordern, bei der Analyse von Frauenmorden gesellschaftliche (Macht-)Strukturen zu berücksichtigen. Dafür steht für sie das „ni“ im Wort „feminicidio“.

Lagarde selbst betont die (Mit-)Verantwortung des Staates bei Frauenmorden. Obwohl in der mexikanischen Verfassung die Gleichheit und Nichtdiskriminierung von Frauen festgeschrieben sind, herrschen dort „Feindseligkeit und misogyne Geringschätzung gegenüber Frauen“ (Lagarde, 2005) vor. Machistische Prahlereien und männliche Dominanz seien gesellschaftlich so sehr akzeptiert, dass beides nicht nur in Feminizide mündet, sondern die Täter zudem sehr häufig ungestraft davonkommen lässt. Lagarde klagt die Behörden an: weil sie am Tatort nicht dokumentieren, welchem Geschlecht Täter und Opfer angehören und in welcher Beziehung sie standen oder weil Staatsanwält*innen und Richter*innen auf Totschlag statt auf Mord anklagen und teils gar unterstellen, die tot aufgefundene Frau habe sich selbst umgebracht.

Ausgehend von den Texten von Marcela Lagarde beginnt sich der Begriff „Feminizid“ in Lateinamerika zu etablieren. Zunächst übertragen die Mexikanerinnen Julia Monárrez Fragoso und Lucía Melgar das Konzept auf die Frauenmorde von Ciudad Juárez. Die Argentinierin Rita Segato erforscht unter anderem das Verständnis von Männlichkeit, das zu Gewalttaten gegenüber Frauen führt.

Gemeinsam ist diesen Forscherinnen die Sicht auf Feminizide bzw. genderspezifische Gewalt gegen Frauen als strukturelles Problem. Patriarchale Gesellschaftsstrukturen resultieren ihrer Ansicht nach in Macht von Männern über Frauen, die der – ebenso patriarchal agierende – Staat nicht als solche wahrnimmt und nicht bestraft.

Quellen:

Caputi, J. & Russell, D.E.H. (1992). Femicide: Sexist Terrorism against Women. In J. Radford & D.E.H. Russell (Hrsg.), Femicide. The politics of women killing (S. 13-21). New York: Twayne Publishers.

Lagarde, M. (2005). ¿A qué llamamos feminicidio? Verfügbar unter: https://xenero.webs.uvigo.es/profesorado/marcela_lagarde/feminicidio.pdf.

Lagarde, M. (2006). Del femicidio al feminicidio. Jardín de Freud. 6, 216-225. Verfügbar unter: https://revistas.unal.edu.co/index.php/jardin/article/view/8343/8987.

Russell, D.E.H. (2009). Femicide: Politicizing the Killing of Females. In PATH, MRC & World Health Organization (Hrsg.), Strengthening understanding of femicide. Verfügbar unter: https://www.path.org/resources/strengthening-understanding-of-femicide-using-research-to-galvanize-action-and-accountability/.