Die Ursachen extremer Gewalt gegen Frauen nach Rita Segato

Die argentinische Anthropologin Rita Segato beschäftigt sich seit Jahren mit extremen Formen der Gewalt gegen Frauen wie Vergewaltigungen und Tötungen. Mit ihrer Forschung hat sie viele Feministinnen inspiriert – zum Beispiel das Kollektiv Las Tesis.

Die Choreografie „Un violador en tu camino“, übersetzt „ein Vergewaltiger auf deinem Weg“, ist im Herbst 2019 weltweit bekannt geworden. Die Feministinnen von Las Tesis haben sie während der sozialen Proteste in Chile entwickelt und eine Welle von Tanzprotesten ausgelöst.

Ihr Text enthält eine klare politische Botschaft: Sexualisierte Gewalt ist eine Straftat, die durch patriarchale Strukturen sowohl ermöglicht und begünstigt als auch unsichtbar gemacht wird. Dagegen positionieren sich die Feministinnen. Sie machen klar: Keine Frau trägt jemals Schuld an einer Vergewaltigung. Weder war sie am falschen Ort noch falsch gekleidet. Schuld trägt stattdessen (mitunter) der Staat, der Personen mit bestimmten sexuellen Identitäten unterdrückt – für Las Tesis ist das System selbst ein „Vergewaltiger“.

©Agnes Wagnis

Darin finden sich Überlegungen der Anthropologin Rita Segato wieder. Sie beschäftigt sich seit den 1990er Jahren mit Gewalt an Frauen im lateinamerikanischen Kontext. Segato bezeichnet eine Vergewaltigung als „moralische, als moralisierende Handlung“. Diese basiere weder auf sexuellem Verlangen des Mannes noch sei sie ein sexueller Akt. Stattdessen sieht Segato sie als „Handlung der Macht“, die sich einer Frau aneignet, sie kontrolliert und reduziert. Und dabei den Zustand der Intimität benutzt, um sich der Frau erhaben zu fühlen, sie sich selbst unterzuordnen und ihr in gewisser Weise abzusprechen, eine Person – ein mit Rechten ausgestattetes Subjekt – zu sein.

Um diese Sichtweise von Segato zu verstehen, hilft ein Blick in ihre wissenschaftlichen Arbeiten. Zentrales Konzept der Anthropologin ist die „Territorialität” weiblicher Körper.

“La significación territorial de la corporalidad femenina – equivalencia y continuidad semántica entre cuerpo de mujer y territorio – son el fundamento de una cantidad de normas que se presentan como pertenecientes al orden moral.” (Segato, 2006, S. 6)

Segato begreift den weiblichen Körper als Gebiet, über das ständig verhandelt wird. Die Körper von Frauen – als weiblich gelesenen Personen – werden ihr zufolge kontrolliert und benutzt, um Macht auszuleben.

In Chile, wo Las Tesis im Herbst 2019 ihre Performance aufführten, äußerte sich diese Dominanz unter anderem in Form von Polizeigewalt. Laut einem Bericht des Nationalen Instituts für Menschenrechte haben Polizeibeamte auf dem Revier Frauen und Mädchen dazu aufgefordert, sich auszuziehen. Außerdem kam es zu sexuellen Übergriffen und Folterungen.

Für solches Verhalten verwendet Segato den Ausdruck „mandato de la masculinidad“, was so viel bedeutet wie „männlicher Auftrag“ oder „männliche Vollmacht“. Den Rahmen dafür bilde das Patriarchat – eine politische Ordnung, die verschiedene Formen der Unterdrückung von Frauen ermöglicht. Subtile Formen der Ungleichbehandlung seien dabei genauso beobachtbar wie offensichtliche und extreme Gewalttaten. Segato zielt vor allem auf Letztere ab.

Vergewaltigungen sind für die Anthropologin ein moralischer und moralisierender Akt, weil sie dazu in der Lage seien, Frauen körperlich und psychisch (moralisch) zu zerstören. Gleichzeitig schaue der Staat weg, ein großer Teil der Straftaten gegenüber Frauen würde nie zur Anzeige gebracht oder verurteilt.

In den Worten von Las Tesis:

El patriarcado es un juez │ Das Patriarchat ist ein Richter

Que nos juzga por nacer │ Der uns verurteilt von Geburt

Y nuestro castigo │Und unsere Strafe

Es la violencia que ya ves │ Ist die Gewalt, die du nicht siehst

Es femicidio │Feminizid

Impunidad para mi asesino │Straffreiheit für meinen Mörder

Es la desaparición │Das Verschwinden

Es la violación │Die Vergewaltigung

Der Choreografie ist ein Beispiel dafür, wie akademische feministische Debatten in feministischen Aktivismus eingebettet werden können. „Un violador en tu camino“ ist über Lateinamerika hinaus zur Hymne feministischer Personen geworden.

Quelle: Segato, R.L. (2006). La escritura en el cuerpo de las mujeres asesinadas en Ciudad Juárez. Territorio, soberanía y crímenes de segundo estado. Verfügbar unter: http://www.feministas.org/IMG/pdf/rita_segato_.pdf.