Die Vergewaltigung eines zwölfjährigen Mädchens durch sieben Soldaten sorgt in Kolumbien für Empörung

Jurist*innen und Frauenrechtsorganisationen kritisieren die von der Staatsanwaltschaft formulierte Anklage gegen die Soldaten. Zudem machen sie auf die Systematik sexualisierter Gewalt durch bewaffnete Akteur*innen aufmerksam.

Ein indigenes Mädchen, das dem Volk der Embera angehört, ist in Kolumbien von sieben Soldaten vergewaltigt worden. Die Straftat geschah am 22. Juni 2020 im Bundesstaat Risaralda. Nach dreitägigen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft haben die Männer akzeptiert, wegen „sexuellem Missbrauch durch Beischlaf mit Kindern unter 14 Jahren“ angezeigt zu werden.

Viele Jurist*innen und Frauenrechtsorganisationen kritisieren diese Anklage, weil das Delikt eine Einwilligung des Opfers impliziere. Statt der gewählten Anklage – “acceso carnal abusivo con menor de 14 años” – fordern sie, die Soldaten wegen „gewaltsamen sexuellen Missbrauchs durch Beischlaf mit Kindern unter 14 Jahren“ – übersetzt „acceso carnal violento con menor de 14 años” – anzuzeigen. So würde sichtbar, dass die Soldaten entgegen des Willens des Mädchens handelten.

Rechtsanwalt Francisco Bernate begründet diese Haltung in einem Interview mit Radio Nacional: „Halten Sie es für wahrscheinlich, dass ein Mädchen, allein, entschieden hat, einvernehmlichen Geschlechtsverkehr mit sieben Männern zu haben, die noch dazu bewaffnet waren und die die Zwölfjährige nicht kannte? […] Das glaube ich nicht. Es handelte sich um Vergewaltigung.“

Francisco Bernate kritisiert die „deutliche Botschaft“, die von der Staatsanwaltschaft durch die gewählte Anklage an die Gesellschaft ausgesendet werde. Der Anwalt verweist auf deren symbolische Komponente. Denn, was die Höhe des Strafmaßes angeht, behandelt das kolumbianische Gesetz beide Delikte gleich. Die Soldaten müssen also jeweils gleich lange ins Gefängnis, wenn sie verurteilt werden.

Die Vergewaltigung des Embera-Mädchens sei kein Einzelfall, sagte Armando Valbuena, Sprecher der Nationalen Indigenenorganisation Kolumbiens, im Interview mit BBC Mundo. Nicht nur Soldaten, auch verschiedene bewaffnete Akteur*innen würden indigene Frauen und Mädchen sexuell missbrauchen, unter anderem die Paramilitärs. Diese extrem rechten Gruppierungen, die von offiziellen Streitkräften oft geduldet oder nicht beachtet werden, wachsen nach der offiziellen Beendigung des bewaffneten Konflikts in vielen kolumbianischen Regionen.

Am 1. Juli 2020, rund eine Woche, nachdem die Vergewaltigung des Embera-Mädchens bekannt geworden ist, denunzierten indigene Frauen aus der Arhuaca-Gemeinde im Norden des Landes in der Zeitung El Espectador, dass sie sexualisierte Gewalt von verschiedenen bewaffneten Akteur*innen erfahren haben. Zudem wird gegen acht Unteroffiziere der Armee ermittelt, die im Verdacht stehen, im September 2019 eine 15-Jährige im Bundesstaat Guaviare vergewaltigt zu haben. Auch in diesem Fall handelt es sich um ein Mädchen indigener Herkunft.

Seit der Kolonialzeit erfahren indigene Frauen immer wieder sexualisierte Gewalt. Die Erfahrungen sind historisch mit großem Schmerz verbunden. Im bewaffneten Konflikt setzen sie sich nicht nur fort, sondern werden gezielt als Kriegswaffe eingesetzt. Dazu schreibt ONU Mujeres: “Sexualisierte Gewalt fordert die herkömmliche Wahrnehmung einer Bedrohung für die Sicherheit heraus. Sie ist günstiger als Munition, sie erfordert keine Waffen […], weshalb sie kaum Kosten verursacht, aber eine hohe Wirkung erzielt.“

Auch die feministische Anthropologin Rita Segato schreibt in ihrem Buch „La guerra contra las mujeres“ der sexualisierten Gewalt gegen Frauen und den Grausamkeiten gegen weibliche Körper in Kriegen eine strategische Funktion zu. Segato sieht darin sowohl einen Pakt zwischen Kämpfenden selbst als auch eine Methode, Gemeinschaften körperlich und moralisch zu zerstören.